Wir möchten mit einer Artikel-Serie, beginnend mit heute, die aktuellen Themen und Probleme rund um die Nutztierhaltung beleuchten. Wir beginnen mit einem Interview mit Isabel Boergen. Sie arbeitet in der auf Landwirtschaft und Tierhaltung fokussierten Schweisfurth Stiftung. Ihr durften wir eine Reihe Fragen stellen.

Michael Hartl: In der Schweisfurth Stiftung fordern Sie seit Jahrzehnten einen anderen Umgang mit den landwirtschaftlich genutzten Tieren. Die Tierhaltung in der Landwirtschaft habe ohne Ethik keine Zukunft. Wie könnte eine solch ethische Nutztierhaltung aussehen?

Portrait-Foto von Isabel Boergen, Schweisfurth StiftungIsabel Boergen: Die industrielle Nutztierhaltung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem System entwickelt, in dem das Tier zum Produktionsfaktor degradiert wird. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, wurden immer größere Anlagen mit immer höherer Besatzdichte geschaffen. Die Tiere wurden durch Zucht an die Bedürfnisse des Menschen angepasst: Schnelles Wachstum, hohe Lege- oder Milchleistung, guter Fleischansatz. Diese Bedingungen haben eine Reihe negativer Auswirkungen auf die Gesundheit und das Verhalten der Tiere. Das muss sich ändern. Nicht die Tiere müssen dem System genügen; das System muss an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden. Das bedeutet: Langlebigkeit, Robustheit, Gesundheit, Lebensleistung, Stressresistenz sind als Zuchtziele viel stärker zu beachten. Tiere brauchen geeignete Stallungen im Hinblick auf Hygiene, Belüftung, Temperatur, Bodenbeschaffenheit, Platz, Zugang zum Freien. Sie brauchen Beschäftigungsmöglichkeiten ebenso wie die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Die moderne Ethik tut sich zunehmend schwer, zu begründen, woher der Mensch das Recht nimmt, Tiere zu nutzen, zu töten und zu essen. Wenn und solange dies also geschieht, muss dafür gesorgt werden, dass die Bedürfnisse der Tiere Beachtung finden. Aber da tobt momentan ein regelrechter Glaubenskrieg: Für Tierrechtler, die Tierhaltung in jeder Form ablehnen, sind Tierschützer, die für eine Verbesserung der Haltungsbedingungen eintreten, nur Gehilfen eines Systems, das sie verachten. Es wäre hilfreich, wenn man wieder zu einem konstruktiven Dialog und gegenseitigem Respekt zurückfinden würde.

„Schwanzkürzen, Zähneschleifen und Enthornen gehören auf den Prüfstand“

Wo sehen Sie in der Tierhaltung aktuell den meisten Bedarf für Veränderung? Und wie kann diese konkret aussehen?

Isabel Boergen: Verbesserungsbedarf gibt es entlang der gesamten Kette. Tierschutz beginnt bei der Tierzucht. Deshalb ist uns in der Stiftung die Etablierung einer ökologischen Tierzucht besonders wichtig. Hier fehlt es teilweise einfach noch an Rassen, die für die extensive Haltung geeignet sind. Daran arbeiten wir gemeinsam mit dem Netzwerk Ökologische Tierzucht.

Bei den Haltungsbedingungen müssen Themen wie ein Stallbau-TÜV unbedingt wieder auf den Tisch. Einheitliche, zertifizierte und tiergerechte Systeme sind ja nicht nur im Sinne des Tierschutzes wünschenswert. Sie bedeuten auch Planungssicherheit für die Landwirte.

Bei den Managementpraktiken müssen nicht kurative Eingriffe wie Schwanzkürzen und Zahnschleifen beim Schwein, Schnabelkürzen beim Geflügel und die Enthornung der Rinder endlich ernsthaft auf den Prüfstand. Diese schmerzhaften Eingriffe sollen ebenso wie der viel zu hohe Einsatz von Antibiotika die Fehler korrigieren, die durch Hochleistungszucht und nicht tiergerechte Haltungsbedingungen überhaupt erst verursacht werden. Das ist absurd. Hier tut sich zwar momentan einiges auf politischer Ebene, aber es ist alles noch sehr zäh und zögerlich.

Banner der Kampagne Arme Schweine gegen die betäubungslose Kastration von Ferkeln

Bei Transport und Schlachtung brauchen wir eine deutliche Beschränkung der Transportzeit und eine Dezentralisierung der Strukturen, um den Trend zu immer weniger, immer größeren Schlachtstätten entgegenzuwirken.

Auf Verwaltungsebene fehlt es an Personal, engmaschigeren Kontrollen und an wirksamen Sanktionen. Tierschutz steht im Grundgesetz – es kann nicht sein, dass auch gravierende Verstöße kaum ernstzunehmend geahndet werden.

Sorgen bereiten uns zunehmend die gentechnischen Veränderungen, die an Nutztieren vorgenommen werden. Hier wird die Denke, ein Lebewesen nach dem Gusto des Menschen zu designen, gewissermaßen direkt ins Genom festgeschrieben. Da werden bereits Tatsachen geschaffen, ohne einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Diskurs darüber, ob wir gesamtgesellschaftlich eine solche Welt schaffen dürfen und wollen.

„Auf Spaltenböden haben Schweine keine Möglichkeit, ihrem natürlichen Verhalten nachzugehen.“

Foto von Schweinen auf Spaltenboden

Foto von Schweinen auf Spaltenboden aus dem Projekt PIG VISION.

Michael Hartl: Wir arbeiten als UNITED CREATURES ja seit Jahren immer wieder zu Themen rund um die Schweinehaltung. Auch aktuell laufen Gespräche auf politischer Ebene, um ein Verbot der betäubungslosen Schmerzkastration von Ferkeln zu erreichen. Welche Missstände sehen Sie in der Schweinehaltung?

Isabel Boergen: Die Branche wird immer arbeitsteiliger, aber die tierschutzrelevanten Probleme hängen letztlich alle zusammen oder potenzieren sich gar wechselseitig. Etwa 95 Prozent der Schweine in Deutschland stammen von drei Rassen ab. Die einseitige Fokussierung auf große Würfe, schnelles Wachstum und hohen Magerfleischanteil hat nicht nur tiergesundheitliche Folgen wie Skeletterkrankungen, sondern kann zu einer erhöhten Stressanfälligkeit führen und die Entwicklung von Verhaltensstörungen begünstigen. Dazu kommt dann die reizarme Haltungsumgebung: Schweine sind sehr intelligent, verspielt und haben stark ausgeprägte natürliche Verhaltensweisen wie Wühlen, deren Unterdrückung sich negativ auf die Tiere auswirkt. Auf Spaltenböden haben sie keine Möglichkeit, ihrem natürlichen Verhalten nachzugehen. Aus Langeweile verletzen sie sich selbst, benagen ihre Schwänze. Also werden die Ringelschwänze routinemäßig gekürzt. Die unnatürlich homogenen Gruppen und das Mischen von Gruppen während der Mastzeit oder beim Transport führen häufig zu Rangordnungskämpfen bei den hierarchisch lebenden Tieren. In der Enge können rangniedere Tiere nicht ausweichen, so können neben dem Stress für das einzelne Tier blutige Verletzungen entstehen.

Beim Verladen und Transport von Schweinen sind die Hauptprobleme Zeitdruck, hohe Besatzdichten, mangelhafte technische Ausrüstung der Fahrzeuge wie rutschige Rampen und schlechte Belüftung. Auch Nichteinhaltung von Fress- und Ruhezeiten, fehlende Kontrollen, sowie eine nicht ausreichende Schulung des Personals können sich negativ auf das Tierwohl auswirken. Einige dieser Missstände könnten sehr einfach und kostengünstig beseitigt werden. Aber aufgrund der häufig unzureichenden Schulung des Personals, einer geringen Kontrolldichte und der niedrigschwelligen Sanktionen ist es schwierig, nachhaltig Verbesserungen zu erreichen.

Bei der Schlachtung ist eine unzureichende Betäubung eines der gravierendsten Tierschutzprobleme. Schätzungen zufolge werden auf deutschen Schlachthöfen jährlich an die 500.000 Schweine nicht richtig betäubt. Man mag sich nicht vorstellen, welches Leid die Tiere erfahren müssen. Hier muss durch eine bessere Schulung des Personals und ein deutliches Absenken der Schlachttierzahl pro Stunde dringend nachgebessert werden.

Wir von UNITED CREATURES arbeiten derzeit daran, unbetäubte, schmerzhafte Eingriffe bei Ferkeln zu verbieten! Unterstützen Sie uns auf armeschweine.at

Michael Hartl: Und gibt es Beispiele, wie es Betriebe oder die Branche als Ganzes konkret besser machen könnte?

Isabel Boergen: Ja, die gibt es! Viele kleinere Betriebe zeigen, dass man Tierwohl ernst nehmen und dennoch gut wirtschaften kann. Die Haltungsbedingungen für Tiere auf Höfen, die nach den Richtlinien der Bioverbände Demeter, Bioland, Naturland oder Biokreis arbeiten, orientieren sich viel stärker an den Bedürfnissen der Tiere. Aber natürlich hat man auch hier mit Problemen zu kämpfen, etwa hinsichtlich der Tiergesundheit. Auch in Vorzeigebetrieben werden Tiere krank. Man muss einfach auch sehen, dass Tierhaltung – egal ob konventionell oder nach Kriterien des Ökolandbaus – immer bedeutet, dass das Tier am Ende sterben muss. Wer das nicht möchte, muss tatsächlich komplett auf Lebensmittel tierischer Herkunft verzichten. Viele Menschen, insbesondere in den Städten, haben ein vollkommen falsches Bild von Landwirtschaft. Das ist ein echter Kulturverlust, der auch in mangelnder Wertschätzung mündet, nicht nur gegenüber den Lebensmitteln, sondern auch gegenüber den Menschen, die sie erzeugen.

„Wenn der Handel nicht mitzieht, wird es schwierig.“

Michael Hartl: Von Tierhaltungsseite kommt oft die Aussage, Tierschutz koste Geld und die Konsument*innen würden ja höhere Preise nicht bezahlen. Ein stimmiges Argument?

Isabel Boergen: Natürlich kostet Tierwohl Geld. Es braucht mehr Personal, mehr Zeit, Investitionen in Stalleinrichtungen. Man will die Landwirte aber auch nicht überfordern – in der Konsequenz nämlich würden die Großkonzerne, die sich Investitionen leisten können, weiter wachsen; die Kleinen würden zum Aufhören gezwungen. Das ist ja gerade das, was wir in der Schweisfurth Stiftung nicht wollen. Das Problem ist, dass momentan tierische Erzeugnisse viel zu billig sind. Sie spiegeln nicht den wahren Preis wider, von den ökologischen Folgekosten ganz zu schweigen. Die Konsument*innen haben sich an diese Preise gewöhnt, schließlich überbietet der Handel sich ja ständig mit neuen Preissenkungsrunden.

Jüngste Umfragen zeigen aber, dass Verbraucher*innen durchaus bereit sind, mehr zu bezahlen. Und das ist das Problem: Die Menschen kaufen ja nicht direkt beim Erzeuger, sondern im Supermarkt. Wenn der Handel also nicht mitzieht, wird es schwierig. Die Verantwortlichkeit verteilt sich letztlich auf alle Schultern entlang der Kette. Auch die Politik muss sich der Kritik stellen, wissenschaftlichen Fakten – was Tiere brauchen – und gesellschaftlichen Trends – was Menschen wollen – hinterherzuhinken. Wer also als Verbraucher*in einen Beitrag leisten möchte, kann das beim täglichen Einkauf jetzt schon tun: Direkt beim Erzeuger kaufen, vor Ort die Haltungsbedingungen anschauen, Fragen stellen, zuhören. Glücklicherweise sind wir in Deutschland auch nicht zwingend auf Lebensmittel tierischer Herkunft angewiesen.

Egal, ob man ganz darauf verzichtet, weniger konsumiert oder bewusster auswählt: Jeden Tag aufs Neue haben wir es als Konsument*innen in der Hand, Tierwohl ernst zu nehmen und die Welt ein bisschen nachhaltiger zu gestalten.

Hintergründe

Isabel Boergen

Isabel Boergen arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin in der Schweisfurth Stiftung. Sie studierte Psychologie und Rechtswissenschaften (B.A.) und hat einen Master in „Applied Animal Behaviour and Animal Welfare“ der University of Edinburgh.

Schweisfurth Stiftung

Die Schweisfurth Stiftung in München wurde 1985 von Öko-Pionier Karl Ludwig Schweisfurth gegründet. Die Stiftung engagiert sich für eine zukunftsfähige, regional ausgerichtete Landwirtschaft, die im Einklang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen wirtschaftet. Besonderes Augenmerk gilt einer ethisch verantwortbaren, am Tierwohl orientierten landwirtschaftlichen Tierhaltung. Die Schweisfurth Stiftung ist Trägerin zahlreicher Projekte, etwa des Gastronomieprojekts Tierschutz auf dem Teller, des Deutschen Netzwerks Ernährungsethik, des Wolfgang Staab-Naturschutzpreises, des Projekts Wir kooperieren, u.v.m.

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