Gedankenlose Völlerei

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Zu den umwelt- und tierethischen Aspekten des Fleischkonsums

von Kurt Remele

Erschienen in: Amosinternational. Internationale Zeitschrift für christliche Sozialethik H. 2, Jg. 7 (2013) S. 38-43.

Für einen überwiegenden Teil der Menschen stellt das Essen von Tieren eine liebgewonnene kulinarische Gewohnheit dar, ein unhinterfragtes Recht und eine logische Konsequenz des gottgewollten Vorrangs des Menschen vor allen anderen Lebewesen. Und dies, obwohl das gegenwärtige Ausmaß des Fleischkonsums gewaltige ökologische Probleme verursacht und nur unter der Voraussetzung möglich ist, dass Tiere misshandelt und buchstäblich am laufenden Band getötet werden. Nach dem britischen Philosophen Stephen R. L. Clark stellt Fleischkonsum deshalb in wohlhabenden Gesellschaften nichts anderes dar als „gedankenlose Völlerei“ (Clark, 2007, 201). Das Essen von Tieren sei ebenso wenig zu rechtfertigen wie Tierhetzen, Stierkämpfe und andere Formen der Tierquälerei.

Foto von Prof. Kurt Remele

Der Autor dieses Artikels Kurt Remele ist ao. Univ.-Prof. am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Karl-Franzens-Universität Graz und Fellow des Oxford Centre for Animal Ethics.

Vor allem in den südlichen Bundesländern Österreichs, in der Steiermark und in Kärnten, erfreut sich eine bestimmte liturgische Feier großer Beliebtheit: die „Fleischweihe“ am Karsamstag. Religionssoziologischen Befunden der Säkularisierung und „Verbuntung“ (Paul Michael Zulehner) zum Trotz genießt die „österliche Speisensegnung“, wie diese Andachtsfeier in der kirchenamtlichen Sprache korrekt heißt, im regionalen Kirchenvolk nahezu den Status eines „achten Sakraments“. Die Menschen, auch viele, die sich sonst kaum in einer Kirche blicken lassen, bringen Schinken und Würste, Eier und Salz, Brot und Kren/Meerrettich in die Pfarr- und Filialkirchen, zu Kapellen, Bildstöcken und Wegkreuzen. Dort werden die Lebensmittel von einem Geistlichen oder einem eigens beauftragten Laien gesegnet. Die Körbe, in denen sich die Speisen befinden, sind mit kunstvoll bestickten Tüchern zugedeckt, und die Menschen tragen häufig Tracht. Das Osterfleisch wird mit folgenden Worten gesegnet: „Herr, unser Gott, segne das Osterfleisch: Es werde für uns zum Zeichen für das wahre Osterlamm, für Jesus Christus.“ (Segnung der Osterspeisen)

Jesus als „Agnus Dei“, als das geopferte Lamm Gottes, ist übrigens das Innungszeichen und klassische Berufssymbol der Fleischhauer/Metzger. Diese haben in Österreich viel zu tun: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch in Österreich beträgt 98,4 kg. Zieht man Knochen und nicht verzehrbare Teile ab, bleibt noch immer einen Anteil von rund 65 kg pro Kopf und Jahr. Pro Woche verzehren die Österreicherinnen und Österreicher im Durchschnitt 1,25 kg Fleisch. Ernährungsmedizinisch empfohlen wird, maximal zwei Mal pro Woche Fleisch zu essen und insgesamt nicht mehr als 300 bis 600 Gramm.

Lokale Liturgie, globaler Fleischkonsum

Die „Fleischweihe“ als Ausdruck eines lokalen „Trachtenvereinskatholizismus“ (Karl Rahner) setzt Osterfleisch und Osterlamm symbolisch gleich. Dies ignoriert die tierethische Problematik des Fleischkonsums und die ökologischen Folgen der Massen- und Intensivtierhaltung. Kirchliche Liturgie und Ikonographie mutieren so zu Strategien, das Essen von Tieren gegen Kritik zu immunisieren und religiös zu überhöhen. Der globale Trend zu immer mehr Fleischkonsum mit seinen dramatischen ökologischen Folgen wird ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass es sich bei Schweinen und Rindern, Kaninchen und Rehen, Hühnern und Gänsen um empfindungsfähige Mitgeschöpfe des Menschen handelt, die ihren je eigenen Wert und ihre je eigene Würde besitzen.

Gäbe es in China, Vietnam oder auf den Inseln Ozeaniens „Fleischweihen“, würde auch Hunde- und Katzenfleisch gesegnet werden. Denn in diesen Ländern ist es durchaus üblich, Hunde und Katzen zu essen. Nach dem US-amerikanische Schriftsteller Paul Theroux wird Hundefleisch weltweit häufiger gegessen als Katzenfleisch. Doch auf der östlich von Neuseeland gelegenen pazifischen Inselgruppe Moto Tiri seien Katzen das bevorzugte Nahrungsmittel. Ganze geschlachtete Katzen, Katzenschenkel und Katzenrücken würden auf den Märkten präsentiert und dies in unterschiedlicher Zubereitung: gebraten, geräuchert, gegrillt oder gepökelt. Schweine dagegen würden als Haustiere gehalten. (Theroux, 2000, 436)

Missverstandene Achtsamkeit

Ein weiteres Beispiel für die katholisch-christliche Legitimierung und Verharmlosung des Fleischkonsums ist in einer kirchlichen Informationsbroschüre zu finden, die die Diözese Graz-Seckau zur diesjährigen Fasten- und Osterzeit an alle Haushalte verschickt hat. In einem „Sinnlich zu Sinn …“ betitelten Beitrag fordert eine mit Gestaltpädagogik und fernöstlichen Meditationsformen in Berührung gekommene Mitarbeiterin des Pastoralamtes dazu auf, den Frühling und Ostern sinnlich wahrzunehmen, zu riechen – das Weihfeuer, das Osterfleisch und frisches Brot“. „Welchen Geruch von Ostern“, so werden die Leserinnen und Leser gefragt, „haben sie in der Nase?“ (Petritsch, 2013, 27)

In diesem Hinweis auf den lieblichen, von Osterfleisch und Osterbrot ausströmenden Geruch gehen Brauchtum, Versatzstücke fernöstlicher Spiritualität und eine (fast) ausschließlich an menschlichen Bedürfnissen ausgerichtete, anthropozentrische Ethik eine feste Verbindung ein. Leid und Schmerz, Angst und Tod der nichtmenschlichen Kreatur werden ebenso ignoriert, verdrängt oder bagatellisiert wie die ökologischen Folgen des Fleischkonsums. Die Macht der Achtsamkeit, ideologische Verschleierungstaktiken offenzulegen, wird in ihr Gegenteil verkehrt: Die menschlichen Sinne sollen zum Osterfest ausschließlich liebliche Bilder, Laute und Gerüche wahrnehmen. Das Messer des Schlächters wird nicht gesehen, die Schreie der panischen Tiere nicht gehört, die Ströme tierischen Blutes nicht gerochen.

Richtig verstanden ist Achtsamkeit jedoch ein genaues, offenes Hinsehen, Hinhören und Riechen. Achtsamkeit ist die konzentrierte Wahrnehmung dessen, was man tut und was man ist und natürlich auch dessen, was man isst. Achtsamkeit ist gerade auch im Hinblick auf jene moralischen Ansichten und praktischen Verhaltensweisen nötig, die als kulturell selbstverständlich betrachtet und darum als Gegenstand ethischer Reflexion häufig ignoriert werden. Achtsam zu sein bedeutet in der Tat, sich dem Schönen und Guten zu öffnen, es wahrzunehmen, wert zu schätzen und sich daran zu freuen. Um nicht halbiert, verkürzt und ideologisch zu sein, beinhaltet Achtsamkeit allerdings auch die sensible, klare Wahrnehmung eigenen und fremden Leids. Der österreichisch-amerikanische Benediktiner David Steindl-Rast hat dies auf seine poetische Art wie folgt beschrieben:

„Wir müssen Dinge ins Auge fassen, die wir nicht gerne sehen. Wir werden vielleicht das Weinen der Welt hören, das Weinen der Unterdrückten. Wir werden vielleicht riechen, dass etwas faul ist im Staate Dänemark. Wenn wir uns zu Tisch setzen, werden wir das Salz der Tränen kosten, das aus der Dritten Welt mit unseren Lebensmitteln importiert wird. Wir werden … zutiefst berührt sein von allem Schönen und von allem Schweren und Schrecklichen, das es in unserer Welt gibt.“
Steindl-Rast, o.J.

Der lange Schatten der Viehzucht

Wer Rinderbraten oder Rindersteak achtsam wahrnimmt, wird auch den Furz des Rindes, das Methangas aus seinem Magen, riechen. Methangas trägt deutlich mehr zur Erderwärmung bei als Kohlendioxid. Wer Rinderbraten oder Rindersteak unvoreingenommen betrachtet, wird der Tatsache gewahr werden, dass man 13 kg Getreide braucht, um ein einziges Kilogramm Rindfleisch zu produzieren. Um 1 kg Rindfleisch für einen Hamburger in einem Fast-Food-Restaurant herzustellen, benötigt man 12-mal so viel Wasser wie für einen Kilo Brot, 64-mal so viel wie für einen Kilo Kartoffeln und 86-mal so viel wie für einen Kilo Tomaten. (Singer/Mason, 2006, 232-237). Der britische Journalist John Vidal hat dargelegt, dass Karnivoren/Fleischesser auch wesentlich mehr Lebensraum in Anspruch nehmen als Vegetarier/innen:

“Eine Familie in Bangladesch, die sich von Reis, Bohnen, Gemüse und Obst ernährt, kann auf einem Morgen [ca. 4047 m2] oder weniger Landfläche leben. Ein durchschnittlicher US-Amerikaner, der etwa 270 Pfund [121,5 kg] Fleisch konsumiert, braucht 20-mal mehr.“
Vidal, 2010

Die von der FAO durchgeführte Untersuchung über den langen Schatten der Viehzucht, Livestock’s Long Shadow aus dem Jahre 2006 zeigt deutlich auf, wie gravierend die negativen Auswirkungen der Viehzucht auf Luft und Klima, Waldbestand und Bodenbeschaffenheit, Trinkwasser und Artenvielfalt sind. Viehzucht und Fleischproduktion, vor allem in Form der industriellen Massentierhaltung, benötigen ein Vielfaches der Menge an Land, Wasser und Energie, die für pflanzliche Nahrungsmittel notwendig wären. Livestock’s Long Shadow zufolge verursacht die Fleischproduktion sogar mehr Treibhausgase als der weltweite Verkehr mit Flugzeugen, Schiffen, Autos und Eisenbahnen zusammen. Das prognostizierte Bevölkerungswachstum – im Jahre 2050 wird die Weltbevölkerung etwa 9,5 Milliarden Menschen betragen – und die wachsende Nachfrage nach Fleisch – Fleischkonsum gilt als Zeichen des Wohlstands – wird sich die weltweite Fleischproduktion von etwa 230 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf 465 Millionen Tonnen im Jahr 2050 steigern und damit mehr als verdoppeln. Im Einzelnen werden in der Studie der FAO folgende problematische Auswirkungen der Viehzucht dargestellt:

  • Bodennutzung und Bodendegradation: 70 Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche oder 30 Prozent der eisfreien Erdoberfläche unseres Planeten dienen der Viehzucht. Die Expansion der Viehzucht verschlingt nicht nur ehemals vielfältig genutzte landwirtschaftliche Flächen, sondern auch riesige Regenwaldgebiete, die abgeholzt werden, um Weideflächen für Rinder oder Anbauflächen für Futtermittel, vor allem Mais und Soja, zu gewinnen. Darüber hinaus sind inzwischen 20 Prozent der weltweiten Wiesen- und Weideflächen, insbesondere in den trockenen Regionen, durch Überweidung und Bodenerosion weitgehend unbrauchbar geworden.
  • Klimaerwärmung und Luftverschmutzung: Massentierhaltung verursacht lokalen Gestank und globale Kontamination: Wiederkäuer (Rinder, Schafe, Ziegen) verursachen 37% des weltweiten Ausstoßes an Methan (CH4). Die Viehzucht ist zudem für 65% des Distickstoffoxids (N2O) verantwortlich, das bei der Produktion tierischer Gülle emittiert wird. Methan und Distickstoffoxid sind Treibhausgase, die zur globalen Klimaerwärmung beitragen.
  • Vergeudung und Verschmutzung von Wasser: Die Bewässerung von Pflanzen, die an Tiere verfüttert werden, treibt den weltweiten Wasserverbrauch in die Höhe. Die den Zuchttieren verabreichten Hormone und Antibiotika gelangen in Böden, und Flüsse, Meere und Trinkwasser. Die Abfallprodukte der Viehzucht bewirken u. a. „tote“ Zonen in Flüssen und Küstengewässern, in denen Fische nicht mehr leben können und Korallenriffe absterben.
  • Reduzierung der Artenvielfalt: Die Viehzucht trägt maßgeblich zum Rückgang der Biodiversität bei. Sie beansprucht riesige Flächen, die früher Habitate für Wildtiere darstellten. Die Viehzucht verschmutzt die Meere, und das Bestreben, aus dem Meer Futtermittel für die Viehzucht zu gewinnen, trägt zur Überfischung bei. Dies alles hat gravierende Auswirkungen auf die Artenvielfalt der maritimen Ökosysteme.
Titelseite des Berichts "Livestock's long shadow"

Der FAO-Bericht „Livestock’s long shadow“, der hier vom Autor Kurt Remele angesprochen wurde, kann von der FAO-Website heruntergeladen werden.

Das Dokument der FAO schlägt eine Reihe von wirtschaftspolitischen Maßnahmen vor, den negativen Auswirkungen von Fleischkonsum und Viehzucht entgegen zu steuern: allen voran Institutionen und Regularien, die dafür sorgen, dass die lebensnotwendigen Ressourcen ihren angemessenen Preis bekommen und die externen Kosten der Viehzucht nicht weiter von der Allgemeinheit, der Umwelt und den Nachgeborenen getragen werden. Subventionen für die Viehzucht sollen gestrichen, die Preise für Land und Wasser, Futtermittel und Fleisch der Kostenwahrheit entsprechen. Ökologisches Verhalten soll belohnt werden: mit Prämien für Landbesitzer, Landwirte und Viehzüchter, die mit Boden- und Landschaftspflege, Erhalt von Biotopen und Flussläufen die Ressourcen nachhaltig schützen.

Wie aber steht es nach Livestock’s Long Shadow mit der Verantwortung der Konsumentinnen und Karnivoren? Das Dokument spricht hier eine deutliche Sprache: „Es gibt überzeugende Argumente dafür, dass der ökologische Schaden durch die Viehzucht maßgeblich reduziert werden könnte, wenn sich der heute übliche exzessive Verbrauch von tierischen Produkten bei den wohlhabenden Menschen senken ließe. Internationale und nationale öffentliche Institutionen … haben beständig Empfehlungen ausgesprochen, den Konsum von tierischen Fetten und rotem Fleisch … einzuschränken.“ Das Dokument der FAO begrüßt „die zunehmende Nachfrage nach biologischen Lebensmitteln“ und „die in wohlhabenden Ländern festzustellende Tendenz, sich vegetarisch zu ernähren“. (Livestock’s Long Shadow, 2006, 269)

Lokale Verbote, globale Verdrängung

Sich vegetarisch zu ernähren, ist nicht nur umweltethisch angeraten, sondern auch tierethisch vorzugswürdig. Wenn wir uns zu Tisch setzen und achtsam das Stück eines toten Tieres ansehen, das auf unserem Teller liegt, werden wir die Schmerzen und das Leid wahrnehmen, welche die Fleischproduktion Milliarden von so genannten „Nutztieren“ in Tierfabriken und Schlachthäusern unablässig zufügt. . („Schmerz“ wird hier als Sinnesempfindung definiert, die in einem bestimmten Körperteil stattfindet, „Leid“ als emotionale Erfahrung, die das ganze Subjekt betrifft.)

Die Fleischindustrie selbst ist daran interessiert, die Vorgänge in Schlachthöfen und riesigen Tierfabriken – in den USA werden diese als Concentrated Animal Feeding Operations (CAFOs) bezeichnet – vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Nicht selten wird sie dabei von der Politik unterstützt. In den US-amerikanischen Bundesstaaten Iowa und Utah sind so genannte Ag-Gag-Gesetze verabschiedet worden (Ag = Agrarindustrie, to gag = jemanden mundtot machen, zum Schweigen bringen), die das heimliche Filmen in Tierfabriken zu einem Verbrechen erklären. Diese Gesetze richten sich ganz offensichtlich gegen Tierschützer, die heimlich in Tierfabriken eindringen oder sich dort anstellen lassen, um die Zustände undercover zu dokumentieren. In Illinois und Minnesota sind Gesetze in Vorbereitung, die sogar den Besitz und die Verbreitung von Fotos oder Filmen aus Stallungen für das Vieh unter Strafe stellen. (Linzey/Cohn, 2013, V-VII)

In seinem Roman Das Leben der Tiere erzählt der südafrikanische Nobelpreisträger John M. Coetzee von einer gewissen Elisabeth Costello. Frau Costello, eine weißhaarige, mehrfach ausgezeichnete australische Schriftstellerin, ist von einem College in der US-amerikanischen Kleinstadt Waltham zu einer Gastvorlesung eingeladen worden. Zum Thema ihrer Vorlesung hat sie nicht ihre eigenen Werke gewählt, sondern die sie seit längerem beschäftigende Frage, wie sich Menschen gegenüber Tieren verantwortlich verhalten sollen. In ihrer Rede sagt Frau Costello dazu Folgendes:

„Heute Vormittag hat man mir Waltham gezeigt. Es scheint eine recht angenehme Stadt zu sein. Ich habe nichts Schreckliches gesehen, keine Versuchslabors der Pharmaindustrie, keine Großmästereien, keine Schlachthöfe. Und doch bin ich sicher, dass es sie gibt. … Sie sind überall in der Nähe, während ich hier rede, nur wissen wir in gewissen Sinn nichts von ihnen. Ich will es deutlich sagen: Rings um uns herrscht ein System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das … kein Ende kennt …, unaufhörlich Kaninchen, … Geflügel, Vieh für das Messer des Schlächters auf die Welt bringt.“
Coetzee, 2001, 15

Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten“, hat Paul McCartney behauptet, „würden sich alle Menschen vegetarisch ernähren.“ (McCartney) Sir Pauls Diktum ist höchstwahrscheinlich zu optimistisch: Wahrnehmungen können zwar zu ethischen Einsichten führen, müssen es aber nicht. Es gibt nicht wenige Menschen, die sich an fast jede Art von Grausamkeit gewöhnen, und noch mehr Menschen, die unangenehme Tatsachen verdrängen. Viele Karnivoren schwören zwar der Gewalt gegen Tiere verbal ab, indem sie bekennen, Tieren sollten keine „unnötigen“ Schmerzen zugefügt werden. Sie nehmen tierische Angst und tierische Schmerzen allerdings als „notwendig“ in Kauf, wenn es um ihre eigenen Essgewohnheiten und Geschmacksvorlieben geht. Die meisten Menschen verdrängen die Tatsache aus ihrem Bewusstsein, dass Milliarden von so genannten „Nutztieren“ wie bloße Sachen, wie empfindungslose Verbrauchsgüter betrachtet und behandelt werden, nicht als leidensfähige Mitgeschöpfe, gegenüber denen wir Menschen Mitgefühl zeigen sollten und Pflichten haben. Die Sozialpsychologie bezeichnet ein solches Verhalten als „kognitive Dissonanz“.

Als Rechtfertigungsgründe für das Essen von Tieren werden u. a. folgende fadenscheinige Gründe genannt:

  • Tiere würden ja schließlich auch andere Tiere fressen. Doch defäkieren und kopulieren Tiere nicht auch in aller Öffentlichkeit? Was folgt daraus? Viele Tiere ernähren sich zudem vegetarisch oder zumindest fast vegetarisch, z. B. Gorillas, die nur Pflanzen essen und mitunter auch Insekten.
  • Pflanzen hätten auch Gefühle. Doch kann man jemanden, der einem Hund oder einer Katze einen Tritt versetzt, ernsthaft mit jemandem vergleichen, der auf einer Wiese spaziert und dabei auf Gras tritt? Die morphologischen, d. h. Struktur und Form des Organismus betreffenden Übereinstimmungen zwischen Menschen und (vor allem so genannten höheren) Tieren sind unbestreitbar, was in Bezug auf Pflanzen nicht gilt.
  • Vollkommene Gewaltfreiheit sei ohnehin nicht möglich. Doch wäre Gewaltreduktion nicht auch schon ein würdiges ethisches Anliegen? Und würde der Verzicht auf das Essen von Tieren das Ausmaß menschlicher Gewalt gegenüber anderen Lebewesen nicht drastisch reduzieren?
  • Konsequente Tierschützer würden die Not von verhungernden Kindern in den Ländern der so genannten Dritten Welt ignorieren, um sich einer sentimentalen Liebe zu Tieren hinzugeben. Doch schließt das eine das andere aus? Fördert es meinen Einsatz für die Hungernden dieser Welt, wenn ich mein Haustier vernachlässige?
  • Die Bibel weise eindeutig auf die Vorrangstellung des Menschen vor der übrigen Schöpfung hin. Doch sind biblische Texte nicht in ihrem zeitbedingten Kontext zu interpretieren? Gibt es nicht auch zahlreiche tierfreundliche biblische Textstellen? Rechtfertigt die singuläre menschliche Fähigkeit, Moral zu reflektieren und Ethik zu konstruieren, das Quälen und Töten von Lebewesen, die dies nicht können?

Wahre Achtsamkeit und ernährungsethische Folgen

Achtsamkeit bedingt, dass wir die Augen nicht verschließen vor den Erkenntnissen der Neurowissenschaften, der Evolutionsforschung und der kognitiven Ethologie (Verhaltensforschung, die die geistigen Kapazitäten von und die Kommunikationsprozesse bei Tieren untersucht). Diese zeigen nämlich, dass Säugetiere und Vögel, aber auch andere Wirbeltiere wie Fische, Reptilien und Amphibien und sogar einige Wirbellose (Kraken, Krebse) Lust und Schmerz empfinden können. Sie verfügen zudem über eine wesentlich höhere Intelligenz als bisher angenommen wurde. Einige von ihnen sind offensichtlich fähig, moralische Regeln zu befolgen. Die renommierte Primatenforscherin Jane Goodall hat entdeckt, dass Schimpansen Werkzeuge benutzen und Werkzeuge herstellen, dass sie brutal Krieg gegeneinander führen, aber auch altruistisch füreinander sorgen. Sie beobachtete bei Schimpansen, die sich bei einem gigantischen Wasserfall aufhielten, (proto-)religiöse Verhaltensweisen: eine große Ergriffenheit und eine tiefe Ehrfurcht vor dem Naturphänomen des herabstürzenden Wassers, die sich in rhythmischen Tänzen, aber auch im achtsamem Staunen manifestierten. Aus ihrer umfangreichen Forschungstätigkeit zieht Goodall folgendes Resümee: „Wenn ich auf diese fünfzig Jahre zurückblicke, wird sehr klar, dass wir Menschen nicht die einzigen Lebewesen mit Persönlichkeit, Verstand und Gefühlen sind und dass es keine scharfe Trennungslinie zwischen uns und dem restlichen Tierreich gibt.“ (Goodall, 2010, 16)

All dies legt nahe, das es nur in strikten Konfliktsituationen zwischen menschlichem und tierischem Wohl bzw. Leben und zum Wohl der Tiere selbst (tierärztliche Behandlung) ethisch erlaubt sein kann, Tieren (der Situation angemessene) Gewalt und (möglichst minimale) Schmerzen zuzufügen. Deshalb sind industrielle Massentierhaltung und industrieller Fischfang ethisch abzulehnen. Als individualethische Minimalforderung folgt daraus, dass jeder Mensch ausschließlich Fleisch, Fisch und Tierprodukte aus artgerechter Tierhaltung konsumieren sollte. Als sozialethische Minimalforderung folgt daraus, dass Staat und Gesellschaft verpflichtet sind, Massen- und Intensivtierhaltung sowie den hoch technisierten Fischfang stufenweise, aber dennoch möglichst rasch gesetzlich zu verbieten. Dass dies nicht leicht sein wird, ist u. a. daraus zu schließen, dass zurzeit in den USA 99 Prozent aller Hühner und Schweine, die für den Verzehr bestimmt sind, aus Massentierhaltung stammen. In Österreich und Deutschland sind es nur ein oder zwei Prozent weniger.

Ein ernährungswissenschaftlich informierter, bewusster Verzicht auf den Verzehr von Tieren (Vegetarismus) oder Tieren und tierischen Produkten (Veganismus) ist allerdings einer so genannte Mischkost, die Fleischverzehr aus biologischer, artgerechter Tierhaltung beinhaltet („bewusste Omnivoren“), ethisch überlegen. Dies u. a. deshalb, weil unter heutigen Bedingungen zumindest in den wohlhabenden Ländern der Erde keine Notwendigkeit besteht, Tiere für die menschliche Ernährung zu töten. Bewusste vegetarische und vegane Ernährung ist zudem wesentlich gesünder als der heute übliche Fleischkonsum. „Der menschliche Körper benötigt überhaupt kein Tierfleisch“, stellte der Ernährungsmediziner Michael Klaper fest. „Niemand wurde jemals vor einem Burger King flach auf dem Boden liegend gefunden, weil er seinen Whopper nicht zeitgerecht bekommen hat.“ (Kaper)

Wer dennoch Fleisch oder Fisch isst, tut dies fast immer aus unhinterfragten Essgewohnheiten oder bestimmten Geschmacksvorlieben, die jedoch schwer als ernsthafte ethische Begründungen gelten können. „Mein Begehren“, schreiben Peter Singer und Jim Mason zur Recht, „lieber eine Taube zu braten statt ein paar Bohnen zu kochen, ist kein ausreichender Grund, der Taube die Freude an seinem oder ihrem [sic] Leben zu nehmen.“ (Singer/Mason, 2006, 259) Nach dem britischen Philosophen Stephen R. L. Clark stellt Fleischkonsum deshalb zumindest in wohlhabenden Gesellschaften nichts anderes dar als „gedankenlose Völlerei“ (Clark, 2007, 201). Das Essen von Tieren sei ebenso wenig zu rechtfertigen wie Tierhetzen, Stierkämpfe und andere Formen der Tierquälerei.

Fazit

  • Das Essen von Tieren verursacht gewaltige ökologische Probleme. Viehzucht und Fleischproduktion benötigen ein Vielfaches an Land, Wasser und Energie, die für pflanzliche Nahrungsmittel notwendig wären. Der von der FAO erstellten Studie Livestock’s Long Shadow zufolge sind Viehzucht und Fleischproduktion für mehr Treibhausgase verantwortlich als der weltweite Verkehr mit Flugzeugen, Schiffen, Autos und Eisenbahnen zusammen.
  • Der Verzicht, Tiere zu essen, ist nicht nur umweltethisch angeraten, sondern auch tierethisch vorzugswürdig. Die Schmerzen und das Leid, die die Fleischproduktion Milliarden von so genannten „Nutztieren“ in Tierfabriken und Schlachthäusern zufügt, sind nicht zu rechtfertigen.
  • Ein ernährungswissenschaftlich informierter, bewusster Verzicht auf den Verzehr von Tieren (Vegetarismus) oder Tieren und tierischen Produkten (Veganismus) ist so genannter Mischkost, die Fleischverzehr aus biologischer, artgerechter Tierhaltung beinhaltet („bewusste Omnivoren“) vorzuziehen. Dies u. a. deshalb, weil unter heutigen Bedingungen zumindest in den wohlhabenden Ländern der Erde keine Notwendigkeit besteht, Tiere für die menschliche Ernährung zu töten. Wenn der britische Philosoph Stephen R. L. Clark Fleischkonsum demnach als „gedankenlose Völlerei“ (Clark, 2007, 201) bezeichnet, ist das zwar provokant ausgedrückt, aber keineswegs unberechtigt.

LITERATUR

Clark, Stephen R. L.: Empty Gluttony, in: Linzey, Andrew/Regan, Tom (Hg.): Animals and Christianity. A Book of Readings. Eugene, OR: Wipf & Stock 2007, 201f.

Coetzee, John M.: Das Leben der Tiere. Frankfurt am Main: S. Fischer 22001.

Goodall, Jane: Why it is Time for a Theological Zoology! in: Hagencord, Rainer (Hg.): Wenn sich Tiere in der Theologie tummeln. Ansätze einer theologischen Zoologie. Regensburg: Pustet 2010, 10-20.

Klaper, Michael: http://www.eatveg.com/Dr.Klaper.htm

Linzey, Andrew/Cohn, Priscilla N.: Entitled to Know, in: Journal of Animal Ethics 3 (Spring 2013) V-VII.

Livestock’s Long Shadow, in: http://www.fao.org/docrep/010/a0701e/a0701e00.HTM

McCartney, Paul: If Slaughterhouses Had Glass Walls: http://www.youtube.com/watch?v=_2UMp9fsAJo

Petritsch, Sabine: Sinnlich zum Sinn … in: Das steirische Kircheninfo – Ostern 2013, Graz, 26f.

Segnung der Osterspeisen: http://www.liturgie.cc/Impulse/segnung_der_osterspeisen.htm

Singer, Peter / Mason, Jim: The Ethics of What We Eat. Why Our Food Choices Matter. Emmaus, PA: Rodale 2006.

Steindl-Rast, David: Wir sind daheim in dieser Welt. Eine Betrachtung über die Sinne als Weg zum Sinn. Videokassette, o. J.

Theroux, Paul: Fresh-Air Fiend. Travel Writings, 1985-2000. London: Penguin 2000.

Vidal, John: 10 ways vegetarianism can help save the planet: http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/2010/jul/18/vegetarianism-save-planet-environment