Leider kostet sie viel Geld.

Ganz am Anfang, nämlich im Paradies, waren die Menschen selbst Tiere. Denn sie konnten Gut und Böse nicht unterscheiden, das Böse nicht einmal denken, und kannten kein anderes Glück als das bloße Am-Leben-Sein und dabei alles vorzufinden, was sie zum Leben im Sinn des Stoffwechsels benötigten. Dieses Glück muss vollkommen gewesen sein, denn seither versuchen die Menschen immer wieder, ins Paradies zurück zu finden. Diese Versuche kann man in der politischen Geschichte nachlesen, aber auch auf den Gerichtsseiten der Tagespresse.

Die Menschen wurden aus eigenem Verschulden aus dem Paradies vertrieben. Mit ihnen mussten aber auch die Tiere das Paradies verlassen. Nicht nur die Schlage, sondern alle. Das hatte zwei Gründe: die schuldigen Menschen sollten, wie es in den apokryphen Schriften heißt, „ewig unschuldiges Leben vor Augen haben.“

Seither haben die Menschen den Tieren sehr viel, die Tiere den Menschen fast nichts zu verdanken. Und dass sie in all ihren Versuchen, ihr (Über-)Leben zu organisieren, die Unschuld vor Augen hatten, vergrößert nur die Schuld der Menschen im Umgang mit Leben – und es ist keine Entschuldigung, dass sie nicht nur Tiere sondern auch ihresgleichen als Dinge und Objekte sehen, etwa wenn ArbeiterInnen als „Kostenfaktor“ oder Kinder als „unser Humankapital“ bezeichnet werden. Es zeigt nur, dass der Respekt vor dem Leben unteilbar ist. Die Vertreibung aus dem Paradies hat den Menschen eine „zweite Natur“ aufgenötigt. Was ist die „zweite Natur“? Ein einfaches Beispiel: Ein Mann kommt mit seinem Hund zum Fleischhauer. Der Fleischhauer gibt dem Mann eine Wurst. Das versteht der Hund nicht. Das ist die zweite Natur des Menschen. Mit dieser zweiten Natur lässt sich Leben sichern und Leben vernichten. Irgendwo dazwischen glüht die alte, ewige Sehnsucht nach dem Paradies. Vielleicht sind wir zumindest dem Hintereingang ins Paradies nirgendwo so nah wie dort, wo Tiere ihr Paradies haben. Sie sollen nicht nocheinmal unschuldig vertrieben werden, nur weil der Natur fehlt, was alleine die menschliche Natur zum Leben benötigt: Geld.

– Robert Menasse

Vorwort von Robert Menasse im Auktionskatalog der Charity-Auktion von UNITED CREATURES

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