Am 24.Juli veröffentlichte die PRESSE in ihrer Beilage SPECTRUM folgende Replik des Initiators von UNITED CREATURES Thomas WINGER auf das in der Vorwoche an gleicher Stelle erschienene Stierkampf Loblied von Barbara Coudenhove Kalergi.

Sehr geehrte Frau Coudenhove,

Seit meiner Jugend lese ich mit Begeisterung Ihre Publikationen, sie waren für mich ein leuchtendes Beispiel aufgeklärten, bürgerlichen Denkens in seiner besten Form. Gerade deswegen verursacht Ihr eindimensionales und verharmlosendes Plädoyer für den Stierkampf in der PRESSE des 17/07 bei mir fassungsloses Entsetzen.

In Ihrem Plädoyer beschwören Sie wortreich den angeblichen kulturellen und ästhetischen Wert dieses grausamen Schauspiels für den Betrachter. Ist das wirklich der Horizont Ihres ethischen Empfindens? Bestimmt hat mit solch geschliffener Argumentation vor ein paar Jahrhunderten ein dekadentes Publikum auch das Ende der „schaurig-schönen“ Gladiatorenkämpfe in den Arenen des römischen Reiches beweint; gewiß können manche Menschen die von Ihnen identifizierte „ambivalente Erotik“ des Stierkampfes auch bei Menschenopfern, Hundekämpfen, und anderen blutigen Spektakeln empfinden. Am besten, wir vergessen gleich jeden Gedanken an eine über die Jahrhunderte zunehmende Sensibilisierung des ethischen Empfindens und reduzieren Moral auf den Grad des kulturanthropologischen Kitzels im schöngeistigen Bauch…

Aber wenden wir uns doch vom ästhetischen Diskurs lieber schlichten Tatsachen zu:
Wie alle Wirbeltiere ist das Rind ein leidensfähiges Lebewesen, dessen hochentwickeltes Nervensystem Gefühle wie Schmerz, Angst und Schrecken übermittelt, Gefühle die der Stierkampf erbarmungslos ausnützt um dem Publikum sein Schauspiel zu bieten.
Können Sie mir bitte ein einziges ethisches Argument nennen, daß die bewußte Erzeugung von Angst, Schmerz und Tod in einem Lebewesen zur Ergötzung eines Publikums rechtfertigen kann? Sie meinen, der Stierkampf wäre wertvoll, weil es handle es sich doch um uraltes Brauchtum?
Als ob das von irgendeiner Bedeutung sein könnte! Nur weil etwas alt ist, ist es noch lange nicht erhaltungswürdig! Kultur besteht nicht darin, naiv und stur an Altem festzuhalten, sondern darin, stets kritisch zu prüfen, ob das Überlieferte nicht faktisch oder moralisch längst überholt ist.

Sie sagen, die Millionen Rinder, die in Tierfabriken ihr unwürdiges Dasein fristen, hätten es noch schlechter als die 30.000 Stiere die jährlich in Spaniens Arenen sterben?
Das mag so sein, allerdings wäre der ethisch korrekte Schluß aus dieser Erkenntnis ein Plädoyer GEGEN Tierfabriken, und nicht FÜR eine andere Form von Tierquälerei.

Sie meinen, daß Respektbezeugungen des Publikums gegenüber dem getöteten Tier das Schauspiel legitimiert?
Dann ist die Schutzwürdigkeit der Schwachen einer Gemeinschaft also abhängig von der Gefühlslage des Täters? Eine fürwahr merkwürdige Vorstellung.

Und wenn Ihnen die ethische Dimension so unwesentlich erscheint, so sollten Sie doch die Realität nicht mit Euphemismen umschmeicheln. Wo Sie z.B. lapidar sagen „der Picador fügt dem Stier drei Wunden zu“, hat der Leser wohl Anspruch darauf mehr zu erfahren:
In der Praxis wird eine Lanze hier mehrmals von oben in den Widerrist des Tieres gestoßen. Durch die dadurch verursachten Verletzungen – Muskel und Gewebe werden dabei regelrecht zerfetzt – senkt sich der Kopf des Stieres und ermöglicht damit den Todesstoß des Matadors. Sie schwärmen von „leichtfüßigen Buben, die dem Tier Stangen in den Nacken setzen“.
In Wahrheit handelt es sich um knapp 1 Meter lange, stählerne Widerhaken, die bis zum Anschlag in den gequälten Stier gerammt werden. Durch das Gewicht kippt die Stange im Fleisch um und wippt durch den Widerhaken schmerzhaft bei jeder Bewegung des Tieres.
In mehr als 90% der Fälle werden den Stieren vor der Corrida in einer qualvollen Prozedur die Hörner abgeschliffen. Sie werden in engen dunklen Boxen gehalten bis sie sich plötzlich gleißendem Licht und einer johlenden Menge gegenüber sehen und voll Panik in die Arena laufen.

Muß tatsächlich am Beginn des 21.Jahrhunderts noch die ritualisierte Schlachtung einer gequälten Kreatur zur Erbauung des mit Unterhaltung übersättigten Publikums herhalten?
Ja, es haben große Künstler den Stierkampf in ihren Werken zitiert, er mag auch, wie so vieles Unerfreuliche, zum Kulturerbe der Menschheit gehören. Doch dessenungeachtet wird diese Welt, wenn die letzte Stierkampfarena ihre Pforten schließt, doch eine etwas bessere Welt sein.